Sie umgibt sich mit Ja-Sagern. Die Menschen, die einen zweiten Satz mit „aber“ beginnen, werden entsorgt. Sie ist nicht mehr jung, dürfte längst in Pension gehen. Aber anders als bei Höchstrichterinnen oder Chefärzten gibt es keine Altersbeschränkung.
Von Dr. Albert Wittwer
Die Persönlichkeit ist voller Ideen, das rührt womöglich daher, dass sie das Lesen etwa von seriöser Geschichtsschreibung, Ökonomie, Philosophie oder Naturwissenschaft für Zeitvergeudung hält. Die eigenen Visionen dürfen nicht verwässert oder gar abgewertet werden. Sie werden in einem Verbund sozialer Medien permanent dargestellt, kaum jemals gedruckt oder von unabhängigen Zeitungen, soweit es sie gibt, herausgebracht. Vor nicht langer Zeit hätte Frau und Mann die Bemerkungen für missglückte Satire gehalten. Es ist immer erster April, aber ernst.
Auf großen, öffentlichen Veranstaltungen löst sie Begeisterung aus. Die Teilnehmer tragen Fan-Mützen. Die Fan-Gemeinde bestärkt sich in diesem Gemeinschaftsgefühl selbst und isoliert sich gegen Abweichler. Sie lässt sich nicht beirren. Wenn die Anhänger Misserfolge bei den Vorhaben der Persönlichkeit oder sich widersprechende Aussagen überhaupt bemerken, werden sie sofort durch neue Ankündigungen übertönt.
Die Persönlichkeit verbreitet eine Art Heilsbotschaft. Diese besticht durch Klarheit und Einfachheit. Sie ist eingängig und unkompliziert. Wissenschaftliche Erkenntnisse hält sie bloß für „Meinungen“, die man keineswegs teilen muss. Geld für Bildung, besonders die Universitäten, hält sie für Vergeudung. Sie liebt den drastischen Ausdruck, die Übertreibung, und wiederholt sich oft. Der Glauben der Fan-Gemeinde an die Botschaft wird umso stärker, je öfter sie diese gehört haben.
Die Gegner der Persönlichkeit sind dagegen lächerliche Figuren. Sie sympathisieren mit den Feinden der Heilsbotschaft, den Bösewichten. Die sofortige oder wenigstens rasche Herstellung der „Größe“ der Gemeinschaft, Größe war auch eine wichtige Vorstellung des deutschen und italienischen Faschismus, verlangt drastisches Durchgreifen. Angenehmerweise sind die Bösen mickrige Figuren, sie unterscheiden sich von den Fans angeblich in ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihren Moralvorstellungen. Die Bösen sind niemals wohlhabend oder gar reich. Das macht sie umso angreifbarer, verletzlicher. Falls die Gegner der Persönlichkeit sich gemeinsam auf die Plätze trauen, macht sie das zu „Terroristen“.
Schwerreich hingegen sind die engen Freunde der Persönlichkeit.
Die exaltierteste der mehreren Persönlichkeiten, auf die die bisherige Beschreibung zutrifft, hat doch (angeblich selbst) ein Buch geschrieben: „The Art of the Deal“. Lesen Sie es nicht. Es ist ein Leitfaden zum Scheitern. Kann es gutgehen, wenn etwa der Deal hoch über den Wolken zulasten eines souveränen, überfallenen Staates, der Ukraine, zustande kommt?
Warum? In allen Beziehungen kommt es darauf an, dass auch die Partner gewinnen, nicht über den Tisch gezogen werden. Die Management-Theorie weiß das schon lange. Auch die Anthropologie zeigt eine lange Geschichte erfolgreicher, menschlicher Kooperation.
Der zweite verhängnisvolle Fehler der Persönlichkeiten liegt in der Ignoranz betreffend die wirtschaftliche und ökologische Verflechtung auf der Welt. Sie sind zum Scheitern verurteilt. Sie ahnen es, bauen sich Bunker, reservieren sich Liegenschaften in Grönland oder New Seeland.
Aber wir werden sie in Europa aushalten, bis sie aufgegeben haben.
Auflösung des Rätsels entbehrlich?
Anmerkungen:
- „Könige und Diktatoren, Gouverneure und Generäle … halten die Menschheit für ihr eigenes Ebenbild“ in Rutger Bregman: „Im Grunde gut“ rororo 2024
- Wo die Reichen überleben wollen: