Weiter gehts – aufstehen und weiter schreiben – oder besser gesagt weiterlaufen – Wo bin ich stehen geblieben – also neben seinem möglichst leichten Rucksack hat jeder seinen „persönlichen“ Rucksack, sein Problem dabei. Ich traf keinen Pilger, egal ob alt oder jung, egal ob Frau oder Mann – jede(r) hatte „seinen“ ganz persönlichen Grund für diesen Weg.
Meine Lieblingsbrücke auf dem Jakobsweg – die wunderbare Brücke von Compostela – eine Brücke zu mehr Sinn im Leben? |
Einmal Scheidung, dann Tod eines Kindes, dann unheilbare Krankheit, dann Burnout und/oder Depression, dann Wunsch auf ein Kind, dann Versprechen den Weg zu gehen, wenn nur „diese“ Sache gut ausgeht und und und.
Eigentlich sind es genau 260.000 unterschiedliche Geschichten, die mit genau dieser Anzahl von Pilgern 2010 den Pilgerweg gegangen sind. Die Gesamtzahl der Pilger allein im Jahr 2010 habe ich aus einer Statistik, dafür lege ich meine Hand nicht ins Feuer, für die 260.000 unterschiedlichsten Gründe schon.
Und mit Menschen auf diesem langen Weg zu reden, ins Gespräch zu kommen, ist mindestens gleich interessant und befriedigend, wie das Adrenalin, das ausgeschüttet wird, wenn man mit Rucksack 40 km in 7 Stunden hinter sich gebracht hat.
Wie schaut denn so ein Pilgertag aus – besser wäre – wie schauen all diese Pilgertage aus. Ich beschreibe mal einen Tag.
7. Erkenntnis – Morgenstund hat Gold im Mund
Es ist kurz nach 05.20 am Morgen. In der überfüllten staatlichen oder kirchlichen Pilgerherberge (die sind billiger als die Privaten) werden die ersten Pilger unruhig. Taschenlampe an, stöbern im Rucksack, anziehen im Halbdunkel – dann auf einmal – es traut sich jemand – Licht an – ok – Zeit für alle aufzustehen.
Die meisten wollen früh raus, meist ohne Frühstück geht es los. Das Frühstücksangebot in den Herbergen ist schlecht bis katastrophal – aber macht nichts – also bis 07.00 ist die Herberge praktisch leer. Bringt ja nichts, liegen zu bleiben, wenn man eh schon von dem Lärm geweckt wurde.
Also kurze Morgentoilette, rein in die immer gleiche Kleidung, rein in die immer gleichen Socken und rein in den liebgewonnenen Schuh – und dann geht’s los. Die Allermeisten laufen wie gesagt für sich, laufen ihr Tempo, dosieren das auf die Dauer eines Gespräches und beenden es dann, wenn sie schneller oder langsamer laufen wollen oder wenn man mit dem Gegenüber einfach nicht mehr „reden“ will.
Am übrigens sehr gut beschilderten Weg haben geschäftstüchtige Spanier mitbekommen, dass es mit dem Frühstücken in den Herbergen nicht so gut aussieht. Jedenfalls gibt es immer wieder ganz einfache Kaffees, bei denen man schnell einkehren kann.
Also nach 1-2 Stunden Marsch, so einen Espresso und ein oder zwei Croissants – also das muss schon sein. Aber man bleibt nur kurz, man will ja das Tagesziel, das man sich am Vorabend vorgenommen hat, erreichen – also weitergehen.
Ich persönlich bin irgendwie zu schnell gelaufen, ich habe zu wenig nach links und rechts geschaut – eigentlich bin ich fast nur gelaufen und habe dabei die prächtige Natur meist übersehen.
Oft und oft ist es mir passiert, dass ich auf einer Anhöhe zurückgeschaut habe und erst da erkannte, durch was für eine wunderschöne Gegend ich gepilgert bin.
Da kommt mir der Spruch in den Sinn – „das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“ – So ist es mir auch auf diesem Weg ergangen. Vieles habe ich erst am Ende des Tages verstanden und viele Gedanken über den Jakobsweg sind mir erst gekommen, als ich längst wieder Zuhause war.
Und bei den Fotos, die mein Begleiter Robert gemacht hat, habe ich auch erst Zuhause gesehen, wie schön doch gewisse Dinge waren. Aber wir müssen ja weiter gehen – also viel trinken ist ganz wichtig – trinken, trinken und nochmals trinken – also ich brauche das – Essen spielt keine Rolle – ich esse praktisch ausser den Croissants den ganzen Tag nichts (wenns zu lange geht mal eine Banane) – also so 6-8 Stunden, das ist die Zeit die eine Etappe je nach dem Höhenunterschied und der Länge in Anspruch nimmt.
Dann angekommen am Zielort – Herberge suchen – also wie schon gesagt, die Staatlichen oder Kirchlichen sind billiger, die Privaten sind teurer, aber schöner und angenehmer.
Man schläft nicht mit 50 oder 300 Pilgern in einem Raum, sondern mit 6 oder 12 davon. Also je länger ich auf dem Weg war, desto öfter gönnte ich mir eine private Herberge (man muss für eine private Herberge so zwischen 8 und 10 Euro bezahlen) – also Schuhe aus, Socken wenn möglich an der frischen Luft „auslüften“ – duschen – das ist auch so eine Sache – da gibt es auch die unterschiedlichsten Duschen, aber wenn man eine schöne, gute, warme Dusche „erwischt“, dann ist dies sicher ein Höhepunkt eines jeden Tages.
Nach dem Duschen ist aber längst der Hunger da – man zieht sich das zweite Leibchen an, das man dabei hat (jeden Tag das gleiche, aber das macht nichts, man ist ja jeden Abend an einem anderen Ort) und sucht ein geeignetes Gasthaus.
Auf dem Jakobsweg sind alle Gasthäuser verpflichtet, den Pilgern das sogenannte Pilgermenü anzubieten – es besteht immer aus Hauptspeise, Salat, Brot und einem halben Liter Wein.
So wurde ich zum täglichen Weintrinker – aber diese Essen sind in aller Regel wirklich gut und sehr preisgünstig – ca. 10 Euro inkl. Wein. Ich glaube sogar, mich zu erinnern, dass es eine staatliche Höchstgrenze für den Preis gibt.
Danach passiert nicht mehr viel – ein paar Gespräche, dann Rückzug in seinen Schlafsack und wenn möglich so schnell wie möglich einschlafen. Der nächste frühe Morgen wartet ja…
Wenn ich schon über die Pilgertage berichte, dann muss ich aus journalistischer Gründlichkeit auch über die Pilger Nächte berichten – also natürlich lernt Mann-Frau und Frau-Mann kennen auf diesen langen Wegen. Und natürlich verabredet man sich nach dem abendlichen Pilgermenü schon mal auf einen Drink an einer spanischen Bar – aber man braucht nicht lange, um sich auf dieses Date vorzubereiten – welche Schuhe, welches Hemd, welche Hose – sinnlos – einfache Dusche muss genügen – dann das einzig halbwegs frische Leibchen, das man versucht von Zeit zu Zeit selber auszuwaschen und dann ist man gestylt für den Abend.
ABER das gute am Jakobsweg ist – das Gegenüber hat auch nicht mehr zu bieten. Und zwar egal ob Bauerstochter oder Millionärstochter. Der Rucksack ist für alle gleich schwer, also hat fast niemand zu viel dabei. So schnell wird die ungerechte Welt gerecht.
Auch das ist schön am Jakobsweg. ALLE sind gleich. Ausser man wohnt wie Hape Kerkeling nur in Hotels – aber den zähle ich nicht zu den „normalen“ Pilgern. UND alle Pilger haben stillschweigend ein Schweigegelübde abgelegt – und darum erzähle ich jetzt keine weiteren Details – nur einer hielt sich die letzten Jahre nicht an diese Schweigepflicht – ja wieder Hape Kerkeling – und er wurde mit diesem Tabubruch Millionär – ich Trottel – hätte doch auch etwas über die “Eine oder Andere” zu erzählen. Lassen wir das – bringt nichts und trägt jedenfalls nichts zur Sinnsuche des Pilgerweges bei.
8. Erkenntis – auch auf der Suche nach dem Sinn treffen sich Frauen und Männer.
9. Erkenntnis – Zu sehen gibt es viel, wenn man Zeit hat und das Rückflugdatum nicht fixiert ist.
Es gibt wirklich viel zu sehen auf diesen 800 km – vorbei an den Königsstädten Jaca, Pamplona, Estella, Burgos und León. Die Kathedrale von Burgos zählt zu den bedeutendsten spätgotischen Monumenten Spaniens.
Die Kathedrale „Santa Maria de Regla“ in Leon stammt aus dem 13. Jahrhundert. Ihre rund 200 bunten Glasfenster verwandeln die hereinfallenden Sonnenstrahlen in ein bezauberndes Lichtspiel.
Und dann irgendwann – kommt man auf einen Hügel und sieht Santiago vor sich liegen – zwar noch ein paar Kilometer entfernt, aber man ist in Reichweite seines Zieles angelangt. Die letzten paar Kilometer sind ein Genuss – man fliegt fast über die Pflastersteine und Wege dorthin, wo ALLE hingehen – ausnahmslos ALLE – zur Kathedrale von Santiago de Compostela.
Sie steht mächtig und wunderschön über einer Grabstätte, die dem Apostel Jakobus zugeschrieben wird. Durch die bischöfliche und päpstliche Anerkennung der aufgefundenen Gebeine als Reliquien Jakobi gilt die Kathedrale von Santiago als Grabeskirche des Apostels Jakobus.
die Jakobsmuschel, das Symbol des Jakobsweges vor der Kathedrale in Santiago |
Jeden Tag findet in dieser Kathedrale ein eigener Gottesdienst für die „neu ankommenden“ Pilger statt. Es ist ein beeindruckendes Erlebnis – dazusitzen, zu schauen und zu danken.
Das war mein 2. Teil – der Rest folgt in den nächsten Tagen.
In Gedanken – euer G. Ender (Briefeschreiber) – I write not only for your smile